Das Format der Videokonferenz hat vielleicht manche abgeschreckt, aber von Montag bis Freitag haben doch täglich über 20 Menschen auf diese Weise teilgenommen, und das Einzugsgebiet war fraglos größer als in früheren Jahren: Wir hatten Teilnehmerinnen von der Flensburger Förde bis zur Oder. In dieser Runde haben wir fünf biblische Geschichen gelesen und besprochen, und Aussätzige und Außenseiter waren reichlich vertreten. Die Abende wurden von unterschiedlichen Menschen moderiert, teils mit, teils ohne theologische Ausbildung und dementsprechend ganz unterschiedlich im Stil.

Bei allen Geschichten merkten wir, dass sie in mehreren Zeiten gleichzeitig spielen wollen: In der Vergangenheit des Volkes Israel mit seinem Gott, in der Handlungs-Gegenwart des Jesus von Nazareth und in der Lese-Gegenwart der christlichen Gemeinde, für die Lukas seinen Text gedacht hat. Innerhalb weniger Verse kommen alle drei Zeiten bei der Emmaus-Geschichte vor: Die Verheißungen der alten Propheten, so wird den Jüngern klar, sind gerade erfüllt worden in den Tagen von Jesu Kreuzigung und dem leeren Grab. Aber klar wird ihnen das erst, als sie in ihrer eigenen Gegenwart zu Hause mit Dank das Brot brechen, so wie es die christliche Gemeinde immer noch tut.
Über die Sünderin (Dienstag) und den Richter (Donnerstag) haben wir uns die Köpfe heiß geredet, was wir von ihnen halten sollten. Wer für Überraschungen offen war, konnte in diesen Geschichten einige finden: Die Frau, die der Gastgeber als stadtbekannte Sünderin identifiziert, wird ihm von Jesus als Vorbild hingestellt: Alles, was der Gastgeber versäumt hat, hat sie für den Gast Jesus getan: ihm die Füße gewaschen, ihn mit einem Kuss begrüßt und ihn gesalbt. Aber warum? Aus Dank zu Jesus oder weil sie damit von ihm Vergebung erwirken wollte? Ähnlich die Witwe, die dem egoistischen Richter mit ihrer Hartnäckigkeit die gewünschte Rechtshilfe entlockt. Wieso vergleicht Jesus den barmherzigen Gott mit diesem unbarmherzigen Richter?
Solche Texte zu lesen und darüber zu sprechen, hilft mir, meinen eigenen Glauben zu verstehen. Es mag auch andere, unmittelbarere Glaubenserfahrungen geben, aber die kann man sich nicht vornehmen. Wo die sich nicht ereignen, haben wir immer noch das gemeinsame Hören auf Gottes Wort und Beten. Während gerade eine Pandemie unser Leben prägt, machen wir aber vielleicht dennoch neue Erfahrungen damit, was Gottes Reich bedeutet. So wie die Aussätzigen, die Jesus heilt, ohne selbst zu heilen: Er schickt sie einfach zur Untersuchung durch die Priester, wie die Gesundheitsbestimmungen es vorsehen. Und während sie hingingen, wurden sie rein. Und die Hauptperson, zu der Jesus dann sagt: Dein Glaube hat dir geholfen
, ist noch nicht mal bis zum Priester gekommen, denn er ist schon vorher zu Jesus zurückgekehrt, um Gott die Ehre zu geben. Mir schien, als ob sich hier ein Arzt über das kultische Gesundheitswesen lustig macht, zumindest aber seine Bedeutung zurechtstutzt.
Von der Geschichte am Montag, dem Fischzug des Petrus, schließlich habe ich vor allem Jesu Aufforderung behalten, die das ganze Evangelium und überhaupt die ganze Bibel durchzieht: Fürchte dich nicht!
Heiko Theißen

