Diesmal fing es in unserer Gemeinde schon am ersten Sonntag der achttägigen Bibelwoche an. Thema der Predigt im Gottesdienst am 22. Januar war der Anfang der Apostelgeschichte mit der Himmelfahrt Christi und der Ankündigung, die Jünger*innen würden ihn zunächst in Jerusalem bezeugen, dann in ganz Judäa und Samarien, und schließlich bis an die Enden der Erde. Wer sich davon überzeugen wollte, dass es so kam, konnte von Montag bis Freitag an fünf Leseabenden im Treffpunkt Kirche die ganzen 28 Kapitel des Buches durchlesen. Wir kamen gut durch den Text und hatten zwischendurch auch noch genug Zeit, nach jedem Kapitel kurz über das Gelesene zu sprechen.
Dabei fiel uns auf, was für unterschiedliche Texte dort nebeneinander stehen: Manche Abschnitte lesen sich wie ein Reisetagebuch und sind in der Wir-Perspektive geschrieben, so zum Beispiel in der nautisch interessanten Schilderung vom Schiffbruch des Paulus auf seiner Überstellung als Gefangener nach Rom. Der britische Admiral Nelson soll sie zur Lieblingslektüre gehabt haben. Daneben stehen die Predigten, mit denen Petrus Tausende von Gläubigen gewinnt, oder mit denen Stephanus und Paulus sich vor ihren Anklägern rechtfertigen. Dann wieder Schilderungen vom Prozess des Paulus, die an eine Gerichtskomödie erinnern. Zielsicher bringt er den Prozess zum Scheitern, indem er die eine Hälfte seiner Ankläger gegen die andere aufbringt: Das Stichwort von der Auferstehung der Toten genügt, damit sich Sadduzäer und Pharisäer gegenseitig niederschreien.
Während der Leseabende waren wir noch geneigt, das damit zu erklären, dass Lukas seinen Text halt aus unterschiedlichen Quellen zusammengestellt hat. Aber beim Bibeltag am Samstag in St. Benedikt hörten wir vom Heidelberger Neutestamentler Professor Matthias Becker einen Vortrag, und er erklärte uns, dass die Zeit der historisch-kritischen
Methode, die Bibeltexte derart in bestimmte Quellen zerhackt, auch in Deutschland langsam zu Ende geht. Dafür nötige Quellen der Bibeltexte sind nämlich außerhalb dieser Texte gar nicht gefunden worden. Es könnte also auch einfach die Absicht des Autors gewesen sein, seinen Text so zu komponieren wie er heute dasteht.
Zu den Themen, die dem Autor Lukas wichtig waren, gehören auf jeden Fall die Geschwisterlichkeit der Urgemeinde ebenso wie die Überschreitung von deren Grenzen: Das Evangelium von Jesus bleibt nicht auf den hebräischen Kulturkreis beschränkt. Schon früh gehören Menschen zur Gemeinde, die Griechisch sprechen, und ein früher Konflikt zwischen beiden Kreisen ist der Grund, warum die Diakonie erfunden wurde: Neben die zwölf Apostel, alles Hebräer, treten sieben Diakone, alle griechischsprachig, um der Diskriminierung der griechischen Witwen ein Ende zu machen: diese waren nämlich bei der täglichen Essensausgabe für Bedürftige immer zu kurz gekommen. Die Solidarität der Urgemeinde (alle waren ein Herz und eine Seele
, niemand hatte eigenen Besitz) durfte sich nicht nur auf diejenigen beziehen, die dieselbe Sprache sprachen, sondern musste auf die griechischen Judenchristen ausgedehnt werden.
Aber das Evangelium von Jesus bleibt auch nicht auf die Judenchristen beschränkt. Der Begriff Christen
kam überhaupt erst in Antiochia auf, wo auch erste Heiden den neuen Weg
, wie es manchmal heißt, gegangen sind und dem Evangelium von Jesus glaubten. Die Frage, ob das Evangelium denen überhaupt zu verkündigen sei, kommt immer wieder in der Apostelgeschichte vor, und wird immer wieder bejaht, auch mit prophetischen Worten des alten Testaments begründet. Großen Streit gab es aber darüber, ob Heiden, wenn sie Christen werden, zugleich zum Judentum übertreten müssen, also das ganze Gesetz des Mose beachten und sich als Männer beschneiden lassen. Wir wissen, wie damals entschieden wurde: Sie müssen es nicht. Allerdings berichtet das 15. Kapitel der Apostelgeschichte von bestimmten Auflagen, die sie doch einhalten mussten, zum Beispiel kein Blut zu essen und kein Fleisch, das nicht ausgeblutet ist. Dass sich nur wenige Christen heute daran halten, mag man damit rechtfertigen, dass in einer anderen biblischen Quelle von diesen Auflagen keine Rede ist: Paulus berichtet im Galaterbrief, dass er für die Heidenmission überhaupt keine Bedingungen bekommen habe, außer in allen heidnischen Gemeinden für die Jerusalemer Urgemeinde eine Kollekte zu sammeln. Weltweite Solidarität als Auflage für das Zusammenleben von Juden- und Heidenchristen sozusagen.
Bis ans Ende der Welt kam Paulus dann doch nicht. Sollte er Spanien noch erreicht haben, steht davon jedenfalls nichts in der Apostelgeschichte. Sie endet mit seinem Aufenthalt in Rom und schließt auch nicht mit seinem Prozess, den Paulus als römischer Bürger vor dem römischen Kaiser führen durfte. Sie endet vielmehr mit der Aussage, dass er dort, im Zentrum der römischen Welt, zwei Jahre lang das Evangelium von Jesus ungehindert predigen konnte. Wenn sein Prozess und seine Verurteilung zum Tode also noch zur Wüstenerfahrung für Paulus wurden, dann waren diese zwei Jahre eine ganz entscheidende Oase.
Heiko Theißen

