Die Bibelabende waren eingerahmt von Geschichten der Traum- bzw. Visionsdeutung am Montag und Freitag. Am Dienstag und Donnerstag standen Texte von der Errettung aus dem Martyrium, und am Mittwoch die Geschichte von Belsazar und der Flammenschrift, die ich von allen am leichtesten verdaulich fand: Der babylonische Herrscher Belsazar entweiht im Suff das Jerusalemer Tempelgeschirr, um damit den vielen Göttern aus unterschiedlichen, aber toten, Materialien zu huldigen. Das Urteil über den Frevler ergeht in Form einer Schrift an der Wand, die außer Daniel keiner zu lesen geschweige denn zu deuten vermag: Mene - die Tage der Herrschaft sind gezählt, tekel - Belsazar wurde gewogen und zu leicht befunden, peres - das Reich fällt an die Meder und Perser. Belsazar wird in dieser Nacht getötet, wobei offen bleibt, ob von seinen Knechten (wie in Heinrich Heines gleichnamiger Ballade). Es könnten auch die Meder und Perser getan haben, die sozusagen schon vor der Tür standen, während die Herrschenden ihrem Untergang entgegen feierten.
Die ursprünglichen Leser des Danielbuches haben das aber wohl nicht als dramatische Episode aus der Babylonierzeit gelesen. Für sie war das eine tagesaktuelle Aussage aus der Zeit um 167 v.Chr. Damals war das Tempelgeschirr zwar längst wieder aus Babylon zurück, aber der zweite Jerusalemer Tempel war vom damaligen seleukidischen Herrscher Antiochus IV. Epiphanes durch einen Zeus-Kult erneut entweiht. Dieser Herrscher wurde im Makkabäeraufstand besiegt, und bis zur Römerzeit war Judäa ca. 100 Jahre frei von fremder Herrschaft. Nachdem wir das gehört hatten, ging es in den Bibelabenden fortan hin und her zwischen der erzählten Zeit (Nebukadnezar, als dessen Sohn der Text Belsazar vorstellt, herrschte bis 562 v.Chr.) und der Erzählzeit (um 167 v.Chr.) - und eigentlich auch noch unserer heutigen Zeit.
Denn bei den Bekenntnisgeschichten am Dienstag (Die Jünglinge im Feuerofen) und Donnerstag (Daniel in der Löwengrube) fühlten wir uns zu Vergleichen mit heutigen Situationen herausgefordert. Daniel und die Jünglinge waren dabei keine Widerstandskämpfer, sondern angesehene Beamte am babylonischen Hof, die allerdings ihrem Gott, dem Gott Israels, die Treue hielten. Das haben Neider unter ihren Untergebenen dann ausgenutzt, um sie beim jeweiligen Herrscher zu denunzieren. So kam in den Feuerofen, wer ein Standbild Nebukadnezars nicht verehrte, und in die Löwengrube, wer andere Götter außer König Darius anrief. Aber ein Engel Gottes rettete die Verurteilten jeweils vor dem Martyrium. Wir lasen das und lasen auch, dass die Herrscher danach regelmäßig den Gott der Geretteten lobten. Ihre Einsicht hielt aber nur bis zum Beginn des nächsten Kapitels, in dem sie dann wieder mit neuen Gräueln anfingen. Auch war uns klar, dass vielen anderen Märtyrern zu allen Zeiten ihr Schicksal nicht erspart blieb, und die Frage kam auf, ob es eine Pflicht zum Martyrium
gibt. Ein eindeutige Antwort hierauf konnte man nicht erwarten, zumal aus einem Kreis von Menschen, die, anders eine Teilnehmerin aus Ostdeutschland (Zoom macht's möglich!), nicht unter einem repressiven Regime gelebt haben.
Bei den Visionen am Ende des Danielbuches, die am Freitagabend und im ökumenischen Abschlussgottesdienst am Sonntag gelesen wurden, bringen manche noch eine weitere Zeit ins Spiel: die Endzeit, das jüngste Gericht. Daniel 7 schildert einen Hochbetagten, ein Bild für Gott, das es mit Rauschebart in viele Kinderbibeln geschafft hat. Und es schildert einen Menschensohn, ein Titel, den Jesus für sich benutzt hat. Aber historisch geschult, wie wir am Ende der Bibelwoche waren, hielten wir diese Gleichsetzung nicht für zwangsläufig: Jesus könnte den Titel Menschensohn deswegen benutzt haben, weil er sich vom Titel Messias abgrenzen wollte. Das Reich Gottes, wie Jesus es beschreibt, hat auch nichts Endzeitliches, sondern ist vielmehr mitten unter euch
. Und apokalyptische Texte beschreiben nicht nur das Ende aller Zeit, sondern auch die Lage ihrer jeweiligen Adressaten, das gilt auch für die neutestamentliche Offenbarung. Was dem Danielbuch die Unterdrückten des Antiochus, sind der Offenbarung die von den Römern verfolgten Christen, und eine Hoffnung, die ihnen prophezeit wird, soll zugleich eine Hoffnung für die sein, die den Text Jahrhunderte später lesen.
Die Predigt über Daniel 9 am Sonntag gab ein Beispiel dafür, wie ein Hoffnung gebendes Ereignis sich nach Jahrhunderten erneut ereignen kann: Daniel rätselt über ein Wort des Propheten Jeremia und betet zu Gott um eine Erklärung, bis ihm der Erzengel Gabriel kundtut, was es bedeutet. Dabei ging es um die Dauer, bis Jerusalem wieder aufgebaut und das Gräuelbild (des Antiochus) zerstört wird. Jahrhunderte später rätselt Martin Luther in einem Turmzimmer über das Wort Gerechtigkeit Gottes
, das er im Römerbrief liest, und das ihm seine sündige Lage so unerbittlich vor Augen führt, dass er Gott dafür nach eigener Aussage hasst. Bis ihm der Zusammenhang aufgeht, in dem dieses Wort steht: Die Gerechtigkeit ist das Geschenk Gottes, von dem die Glaubenden leben. Diese reformatorische Entdeckung verdankte Luther Gottes Barmherzigkeit, nachdem er unermüdlich an der Römerbriefstelle angeklopft
hatte, um zu erfahren, was sie wirklich bedeutet. Ein gutes Verfahren, das wir in dieser Woche versucht haben auch auf das Danielbuch anzuwenden.
Heiko Theißen

