Ökumenische Bibelwoche 2025

- 02.02.2025 - 

Wenn es Himmel wird - Sieben Zeichen aus dem Johannes-Evangelium

Auch in diesem Jahr gehörte zur ökumenischen Bibelwoche in Rohrbach wieder ein Bibelsamstag in St. Benedikt, wo sich über zwanzig Kinder und ebenso viele Erwachsene versammelten, um von Zeichen und Wundern zu hören, die Jesus im Johannes-Evangelium tut. Die Kinder absolvierten einen Wunder-Parcours, bastelten und backten Plätzchen, die beim gemeinsamen Kaffeetrinken neben den Kuchen standen, die die Eltern gespendet hatten.

Michael Plathow am Redepult während des ökumenischen Bibelsamstags 2025

Die Erwachsenen hörten derweil einen einführenden Vortrag von Prof. Dr. Michael Plathow. Er erwähnte dabei Zeichen, die ohne Wunder im Sinne von Unerklärliches auskommen: Die Leuenberger Konkordie als ökumenisches Zeichen der evangelischen Kirchen, oder auch die ökumenische Tradition in Rohrbach. Nach dem Vortrag bildeten sich drei Gesprächsgruppen, die je eine johanneische Zeichengeschichte zum Thema hatten, und eine Bewegungsgruppe, die biblische Kreistänze übte. Nach dem gemeinsamen Mittagessen gab es noch ein Abschlussplenum, für das wir die Begegnung des Thomas mit dem auferstandenen Jesus ausgewählt hatten. Jesu Wort an Thomas Selig sind, die (mich) nicht sehen und doch glauben war sozusagen ein Kontrapunkt zum typischen Ende der Zeichengeschichten. Dort stellt Jesus regelmäßig fest, dass die Leute das Zeichen sehen und nicht glauben.

Neben dem Bibelsamstag gehörten zur Bibelwoche wie jedes Jahr fünf Bibelleseabende von Montag bis Freitag, in denen wir uns entschieden haben, nicht nur die Zeichengeschichten, sondern das ganze Evangelium durchzulesen. Diese Entscheidung hat die gesamte Bibelwoche für mich nachhaltig geprägt.

Denn außerhalb der, teilweise schon bekannten, Zeichengeschichten zeigte mir das Johannes-Evangelium ein ganz anderes, unbekanntes Gesicht. In langen, schwer verständlichen Abschnitten erklärt Jesus, wo er herkommt (nämlich von Gott, der sein Vater ist), und wie er dessen Werke wirkt. Und immer wiederholt sich ein Vorwurf an die Juden, zu denen Jesus spricht: Dass sie ihm nicht glauben, weil sie auch Mose nicht glauben, und dass sie nicht Abrahams Kinder sein können, wenn sie Jesu Wahrheit nicht hören wollen. Diese Rede gipfelt in Kapitel 8 in dem Vorwurf, sie hätten den Teufel zum Vater. Dass dieses Wort über Jahrhunderte hinweg einen Grund zur Judenverfolgung geliefert hat, wurde schon am ersten Leseabend thematisiert, und wir hatten es von da an täglich im Sinn, wenn wir wieder über ein hartes Urteil gerätselt haben, das Jesus im Johannesevangelium über seine Zuhörerschaft fällte. Hätten wir nur die Zeichengeschichten gelesen, wäre uns das wohl verborgen geblieben.

Ein Merksatz aus meinem Religionsunterricht in der sechsten Klasse lautete: Schwerpunkt der Wundergeschichten ist nicht das Wunder, sondern der Glaube. Dieser Satz könnte über jeder der sieben Zeichengeschichten stehen, die der Evangelist Johannes berichtet. In der Geschichte von der Heilung des Sohns eines königlichen Beamten sagt Jesus es negativ: Wenn Ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt Ihr nicht. Und die Menschen in Kapernaum, am Westufer des Sees Genezareth, kommen zu Jesus, nachdem er sie am anderen Seeufer mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen satt gemacht hat, aber nicht weil sie dieses Zeichen richtig verstanden haben, sondern weil sie sich weitere Brotwunder erwarten. Jesus spielt mit diesem Missverständnis, indem er vom vergänglichen Brot weg verweist und hin auf die Speise zum ewigen Leben, auf das Brot des Lebens, das er selbst ist. In ähnlicher Weise lenkt er das Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen vom Brunnenwasser auf das Wasser, das in das ewige Leben quillt.

Die Heilungen am Teich Bethesda und des Blindgeborenen tut Jesus jeweils am Sabbat, was ihn in Konflikt mit den Pharisäern bringt. Aber nicht nur ihn: Der nun Sehende wird als Jünger Jesu aus der Synagogengemeinde ausgeschlossen. Die Pharisäer waren zur Zeit Jesu eine von mehreren theologischen Schulen im Judentum. Aber sie waren als einzige noch übrig, als das Johannesevangelium um das Jahr 100 entstand, also nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70. Wie in Kapitel 8 setzt sich Jesus auch durch die Sabbatheilungen von der Religionspraxis der damaligen jüdischen Oberschicht ab, ohne allerdings die jüdischen Schriften zu relativieren. Eine Formel wie bei Matthäus Mose hat gesagt - Ich aber sage euch findet sich bei Johannes nirgends.

Eingerahmt wurde die Bibelwoche von zwei Gottesdiensten, in denen über die Zeichen gepredigt wurde, die auch Jesu öffentliches Wirken einrahmen: Im ökumenischen Eröffnungsgottesdienst über das Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana, im Abschlussgottesdienst im Melanchthonhaus über die Auferweckung des Lazarus in Bethanien. Jesus verschafft der Hochzeitsgesellschaft einen besseren Wein als ihn der Bräutigam besorgen konnte und deutet mit diesem Überfluss das endzeitliche Freudenmahl an. Trotzdem sagt er in Kana, dass seine Stunde noch nicht gekommen sei. Hingegen ist sein Weg nach Bethanien schon derselbe Weg, der Jesus ans Kreuz führt. Aussprechen tut dies ausgerechnet Thomas, wenn er (überschwänglich todesmutig) sagt Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!

Ein großer Bogen, der sich durch das Johannesevangelium zieht, führt Jesus also vom Vater im Himmel herab auf die Erde und wieder hinauf zum Vater, denn so deutet Jesus immer wieder sein bevorstehendes Ende am Kreuz: nicht als Tod, sondern Ich verlasse die Welt und gehe zum Vater. Was für ein Unterschied zum Jesus, wie ihn die anderen Evangelisten schildern: Das am Rand der Gesellschaft geborene Kind bei Lukas, das vor Herodes nach Ägypten fliehen muss (bei Matthäus), der leidende Jesus am Kreuz, dessen leeres Grab bei Markus Zittern und Entsetzen auslöst. Das Johannesevangelium dürfte noch Stoff genug für mehrere Bibelwochen enthalten.

Heiko Theißen