Baugeschichte der Melanchthonkirche

An der Stelle des Turms der heutigen Melanchthonkirche, also da wo heute der Chorraum liegt, befand sich im 8. Jahrhundert die Cella
, also die Behausung, eines Einsiedlers. Sie war wohl von den Einwohnern Rohrbachs als Kapelle genutzt worden und wurde Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer Kirche vergrößert, indem im Westen ein Langhaus angebaut wurde, der Rundbogeneingang im Osten durch ein Spitzbogenfenster ersetzt und im Norden eine heute noch sichtbare Tür eingefügt.
Im Jahr 1742 erfolgte eine Erhöhung des Daches sowie eine Erweiterung des Langhauses nach Westen und Süden, weswegen die Mittelachse heute nicht mehr in die Mitte des Chorraums zeigt.
Schon 1842 dachte man in Rohrbach über eine abermalige Erweiterung der Kirche nach oder sogar einen Neubau mehr in der Mitte des Dorfes
und hatte hierfür auch die Zustimmung des Unterländer Kirchenfonds
, der Kosten für Bau und Unterhalt der Kirche mit allem, was dazu gehört
, zu tragen hatte. Hierunter verstand der Kirchengemeinderat auch den Kauf eines Grundstücks für einen Neubau, den die Oberkirchenbehörde einem Umbau vorgezogen hätte. Der Kirchenfonds allerdings sah beim Grundstückskauf die Gemeinde in der Pflicht, die zudem statt eines Neubaus die bestehende Kirche behalten und erweitern wollte. So kamen diese Verhandlungen zu keinem Ergebnis.
In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts waren das Pfarrhaus renoviert und die ehemalige Pfarrscheuer in ein Gemeindehaus umgewandelt worden, wofür zwecks Schuldentilgung eine Ortskirchensteuer eingeführt worden war. Der Beschluss, auch die Kirche umzubauen, wurde am 23. Juli 1905 gefasst, es dauerte aber wegen Überlastung der Kirchenbauinspektion noch fast zwei Jahre, bis die Bauarbeiten beginnen konnten. Die Lohnsteigerungen während dieser Zeit und notwendig gewordene Zusatzarbeiten am Turmfundament sowie Kosten für die Luftheizung und die Orgelanschaffung erhöhten den Baukostenanteil der Gemeinde von 31.000 auf 38.000 Mark. Hierfür war die Ortskirchensteuer bereits erhöht worden.
Von Pfingsten 1907 bis September 1908 dauerten die Arbeiten, wobei die Querschiffe und die Sakristei angebaut wurden, das Langhaus nochmals verlängert und die Treppenhäuser zu den Emporen hinzugefügt. Die Zahl der Sitzplätze stieg dadurch von 400 auf 850. Der Turm wurde erhöht und erhielt einen neuen Helm.
Die Kirchenfenster der Melanchthonkirche

Im Zuge der Innenrenovierung wurden die Glasmalereien von Rudolf Yelin d.Ä. in die Fenster eingefügt. Sie stellen folgende Personen dar (links vorne beginnend):
- Philipp Melanchthon (1497–1560), aus Bretten stammender Reformator und Humanist. 1518 als Griechischprofessor nach Wittenberg berufen, wirkte er dort lebenslang bis weit in den osteuropäischen Raum als Bildungsreformer. Er war Hauptverfasser des Augsburger Bekenntnisses 1530 und auch Reformator der Universität Heidelberg 1557. Melanchthon ist die griechische Übersetzung seines deutschen Namens Schwarzerd.
- Martin Luther (1483–1546), Augustinermönch, Doktor der Theologie und Professor an der Universität Wittenberg, Reformator. Löste 1517 mit 95 Thesen zum Ablass einen Konflikt mit der römischen Kirche aus; im April 1518 trennte er sich mit den Thesen der Heidelberger Disputation von der damaligen scholastischen Theologie. Durch den Wormser Reichstag 1521 geächtet wurde er zum Hauptreformator und faktisch Begründer der Lutherischen Kirche.
- Friedrich der Weise (1463–1525, regierte ab 1486), Kurfürst von Sachsen, 1502 Gründer der Universität Wittenberg und Schutzherr Luthers, den er nach dem Wormser Reichstag auf die Wartburg entführen ließ. Dulder, dann stiller Förderer der Reformation.
- Johann der Beständige (1468–1532, regierte ab 1525), Kurfürst von Sachsen, aktiver Förderer der Reformation durch Visitationen und Beauftragung der Schrift zur Verteidigung der kursächsischen Kirchenreformen, aus der das Augsburger Bekenntnis 1530 erwuchs.
- Gustav II. Adolf (1594–1632, regierte ab 1611), lutherischer König von Schweden, „Retter des Protestantismus“, trat 1630 in den 30jährigen Krieg ein, nachdem Kaiser Ferdinand II. durch ein Restitutionsedikt 1629 die Vernichtung des Protestantismus möglich schien. Nach erstaunlichen militärischen Erfolgen, die nach 1631 auch zur mittelbar zur Befreiung Heidelbergs führten, fiel der Schwedenkönig 1632 in der Schlacht von Lützen. Dort wurde im 19. Jahrhundert eine nationalprotestantisch geprägte Gedenkstätte errichtet.
- Paul Gerhardt (1607–1676), der
Dichter des 30jährigen Krieges
, zuletzt Pfarrer in Lübbenau. Er ist der wohl bekannteste lutherische Dichter von Kirchenliedern, deren Anschaulichkeit und Empfindsamkeit bis heute wirken. Der von familiären Katastrophen getroffene Pfarrer verschloss sich der religiösen Verständigungspolitik des reformierten Berliner Kurfürsten Friedrich Wilhelm und musste deshalb seine Pfarrstelle an der Berliner Nikolaikirche aufgeben. - Johann Hinrich Wichern (1808–1881), Gründer des Hamburger
Rauhen Hauses
(Rettungshaus), galt seit seiner werbenden Stegreifrede beim Wittenberger Kirchentag 1848 als Gründer der Inneren Mission. Soziales Handeln als Mission der Kirche war das Ziel, womit er auch dem sozialistischen Materialismus entgegenzuwirken suchte. - Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760), nahm evangelische Glaubensflüchtlinge aus Mähren (Moravia) auf seinem Gut Berthelsdorf (Oberlausitz) auf. Aus der Gemeinschaft entwickelte sich die Unität der Herrnhuter Brüdergemeine, heute eine weltweit verbreitete Gemeinschaft (Moravian Church), der wir den
Herrnhuter Stern
und dieLosungen
verdanken. - Friedrich I. (1826–1907, regierte ab 1852), Großherzog von Baden, vollzog 1860 eine liberale Wende fürstlicher Politik, die auch die evangelische Kirche betraf. Trotz Zurückdrängung der Kirche aus der Gesellschaft (Schule, Ehe, Stiftungen) war er ein frommer und kulturbeflissener Regent, der auch seine Verantwortung als Bischof der evangelischen Landeskirche ernst nahm.
- Karl Friedrich (1728–1811, regierte ab 1738), lutherischer Markgraf, Kurfürst und Großherzog von Baden. Während der längsten Regentschaft eines badischen Fürsten wurden die beiden badischen Markgrafschaften (Baden-Durlach/Baden-Baden) vereint, die rechtsrheinische Kurpfalz mit den alten Residenzen Heidelberg und Mannheim samt anderer Herrschaften badisch (1803–1810). Er war ein aufgeklärter und zugleich am allgemeinen Wohlstand interessierter Regent, der die Leibeigenschaft beseitigte, den Bekenntniseid aufhob und auch die badische Union von Lutherischen und Reformierten anbahnte.
- Wilhelm II. (1859–1941, regierte 1888–1918), König von Preußen und Deutscher Kaiser, Schwager Großherzog Friedrichs I. Seine riskante und ambitionierte Weltpolitik war ein Faktor des Ersten Weltkriegs. Die Revolution 1918 beendete die Monarchie in Deutschland.
- Friedrich II. (1857–1928, regierte 1908–1918), Großherzog von Baden, während seiner eher glücklosen letzten badischen Regentschaft erhielt die Melanchthonkirche ihre heutige Form.
- Girolamo Savonarola (1452–1498), Dominikaner, Bußprediger und Reformer. Als von der römischen Kirche verfolgter (1497 Bannung, 1498 Hinrichtung) Bußtheologe wurde er von der evangelischen Kirche als Vorläufer Luthers gedeutet.
- John Wyclif (um 1330–1384), englischer Theologe, Staatsmann und Reformer. Seine Kirchenkritik (Ablass, Reichtum, Sakramentenlehre) trug ihm Nachstellungen der päpstlichen Kurie und des englischen Episkopats ein. Er starb aber unbehelligt in seiner Pfarrei Lutterworth. Seine Lehren wirkten stark auf den böhmischen (tschechischen) Reformer Jan Hus.
- Jan (Johannes) Hus (um 1370–1415), Bußprediger an der Bethlehemskapelle in Prag (in tschechischer Volkssprache). Trotz königlicher Zusagen freien Geleits wurde ein beim Konstanzer Konzil (1414–1418) festgenommen und 1415 als Ketzer verbrannt. Sein Tod führte zu nationalkirchlichen Bewegungen – von den
Hussiten
bis hin zu denBöhmischen Brüdern
. Martin Luther alsHussiten
zu erweisen, gehörte 1519 zur Strategie seiner Gegner. - Petrus Waldes (um 1150–1206), wohlhabender Kaufmann von Lyon. Er verteilte nach einer Hungersnot seinen Besitz und begründete die Laienbewegung der
Armen im Geist
, die aber von Rom nicht anerkennt und nach 1182 aus Lyon vertrieben und schließlich verfolgt wurde. - Ulrich Zwingli (1484–1531), Reformator der Zürcher Kirche. Seine humanistisch geprägte Abendmahlstheologie machte ihn zum Hauptgegner Luthers. In den Schweizer Religionskriegen fiel Zwingli als Feldprediger in der Zweiten Schlacht von Kappel.
- Jean (Johannes) Calvin (1509–1564), Reformator der Genfer Kirche, klarster Denker einer reformierten („kalvinistischen“) Dogmatik. Seine rigorose Kirchenzucht schuf ein Klima der Intoleranz, wenngleich Calvin kein Verfechter einer Theokratie als Staatsform gewesen ist. Theologisch wirkte Calvin vor allem auf seine französische Heimat (Hugenotten), aber auch Schottland, das heutige Belgien und die Niederlande.
- Ottheinreich (1502–1559, regierte ab 1556), Kurfürst der Kurpfalz, wo er 1556 die lutherische Reformation einführte. Er berief Theologen unterschiedlichster Auffassungen an die Heidelberger Universität, was zum theologischen Streit und bald nach seinem Tod unter seinem Nachfolger Friedrich III. zum Übergang der Kurpfalz zum Reformiertentum führte.
- Friedrich V. (1596–1632, regierte ab 1610), Kurfürst der Kurpfalz. Seine gegen das habsburgisch-katholische Kaiserhaus gerichtete Politik gipfelte in der Wahl zum Böhmischen König (
Winterkönig
) und seiner militärischen Niederlage 1619 in der Schlacht am Weißen Berge – das Initial des 30jährigen Krieges und der baldigen Besetzung Heidelbergs.
(Dank an Prof. Dr. Johannes Ehmann für die Beschreibungen.)
Die Glocken der Melanchthonkirche

Von den drei Glocken, die die Melanchthonkirche bei ihrer Einweihung vor 100 Jahren hatte, stammten zwei aus dem 18. Jahrhundert aus der Heidelberger Glockengießerei Speck: eine kleine mit dem Ton b und eine große mit dem Ton ges. Die dritte wurde 1899 in der Frankenthaler Glockengießerei Hamm gegossen und ergänzte die beiden älteren zu einem es-moll-Dreiklang. Vor dem Umbau 1907/08 empfand der Pfarrer Trautwein dieses Geläut als das an unserem gesamten Kirchengebäude noch allein Würdige
.
Im ersten Weltkrieg musste die Gemeinde 1917 die Bronzeglocken an die Reichsregierung abliefern, lediglich die mit 375 kg kleinste wurde von dieser Beschlagnahme zurückgestellt, um noch als Läuteglocke dienen zu können. Die Entschädigung für das eingezogene Metall wurde noch um eine Prämie von 1 Mark/Kilo erhöht, weil die Glocken bereits im Juni 1917 abgeliefert wurden. 1920 wurden zum Ersatz zwei Gussstahlglocken mit den Tönen f und as in Bochum bestellt. Sieben Jahre später erlitt die älteste Glocke einen Sprung und musste durch eine neue Bronzeglocke ersetzt werden, wobei die Karlsruher Gebrüder Bachert die alte Glocke sozusagen in Zahlung nahmen. Auch die neue b-Glocke wurde im zweiten Weltkrieg beschlagnahmt, entging aber der Einschmelzung und kehrte 1947 in die Gemeinde zurück.
Die Kombination der drei Glockentöne ergab keinen Dreiklang wie vorher. Die Anregung, deshalb die Bronzeglocke durch eine c-Glocke zu ersetzen, fand allerdings erst 1994 ein Echo, als ohnehin umfangreiche Wartungsarbeiten am schmiedeeisernen Glockenstuhl unabwendbar geworden waren. Der Ältestenkreis entschied sich für die Anschaffung eines hölzernen Glockenstuhls. Pfarrer Krieg setzte sich dabei für die Erweiterung des Geläutes unter Verwendung von lauter Bronzeglocken ein. Die Heilbronner Firma Bachert erhielt den Auftrag für ein Geläut mit der Tonfolge es-as-c-f. Die Glocken erhielten die Namen Liebe
, Hoffnung
, Glaube
und Melanchthon
; wegen eines Kommunikationsfehlers wurde allerdings statt einer f- eine es-Glocke hergestellt. Der Vorschlag des Glockensachverständigen, die eigentliche gewünschte f-Glocke als fünfte Glocke (so genannte Gnadenglocke
) hinzuzufügen, wurde aufgegriffen, so dass die Melanchthonkirche nun ein Fünfergeläut aufweist.
Die größere der beiden Gussstahlglocken steht heute vor dem Eingang der Kirche, während die kleinere der Gemeinde St. Leon-Rot geschenkt wurde. Die Bronzeglocke von 1928 läutete bis 2019 für das Gemeindezentrum in der Heinrich-Fuchs-Straße.
