Ökumenische Bibelwoche 2024

- 28.01.2024 - 

Die Urgeschichte

In den letzten Jahren war es, bedingt durch die Corona-Pandemie, nicht möglich gewesen, aber dieses Jahr fand er endlich wieder statt: Ein gemeinsamer ökumenischer Bibeltag für Kinder und Erwachsene. Über zwanzig Kinder und etwa ebenso viele Erwachsene kamen am letzten Samstag im Januar im katholischen Gemeindezentrum St. Benedikt im Hasenleiser zusammen, um die Urgeschichte zu hören, das sind die ersten elf Kapitel der Bibel.

Das Kinderprogramm wurde von Helferinnen geleitet, die sicherlich in die Vorbereitung dieses Tages mehr Aufwand gesteckt hatten als die Erwachsenen in ihren Teil. Los ging es mit dem gemeinsamen Lied Vom Anfang bis zum Ende hält Gott seine Hände über mir und über Dir, und auch beim Mittagessen und Kaffeetrinken zum Abschluss saßen alle zusammen. Zwischendurch waren die Kinder in den Gruppenräumen, während das Erwachsenenprogramm mit einem Vortrag des Heidelberger Professors für Altes Testament, Jan Christian Gertz, begann.

Solche Vorträge eines Experten sind der Teil, den ich an der ökumenischen Bibelwoche in Rohrbach ganz besonders schätze. Der samstägliche Vortrag strahlte auf mich, wie eigentlich jedes Jahr, große Souveränität aus und setzt damit einen Abschluss hinter eine Woche, in der viele aus dem Publikum sich schon getroffen hatten, um den Text selbst zu lesen. Das waren von Montag bis Freitag überwiegend theologische Laien, denen diese teils sehr bekannten Geschichten durchaus Probleme bereiteten. Und ganz unterschiedliche Probleme, je nachdem, mit welchen Voraussetzungen sie zum Bibellesen in die Neuapostolische Kirche im Helaweg gekommen waren. Die dortige Gemeinde war in diesem Jahr Gastgeberin für die Lesewoche.

Ein Problem tauchte gleich mehrfach in verschiedenen Fragen auf: Was soll man von Zeitangaben halten, wonach die Entstehung der Erde sieben Tage dauerte, und es von dort an bis zu den Erzeltern Abraham und Sarah ziemlich wenige Generationen gab, die allerdings erst als Mehrhundertjährige die nächste Generation zeugten? Dann wäre die Erde also gerade mal fünftausendsiebenhundertnochwas Jahre alt… Oder wo kamen all die Wassermassen her, die während der Sintflut die höchsten Berge noch 150 Meter überstiegen? Eine Antwort darauf gab es im Vortrag von Prof. Gertz: Die Urgeschichte erzählt, was nie geschah und immer ist, wie der Philosoph Sallust im 4. Jh. nach Christus formulierte, was für alle Mythen gilt.

Für uns laienhafte Bibelleseschar im Helaweg war dieses Motto sicher eine Herausforderung. Wenn die Standardantwort auf kritische Rückfragen zu bestimmten Details lautet: Das ist in Wahrheit gar nicht so geschehen, welchen Sinn hat die ganze Geschichte dann noch für mich? Aber wir stießen auch auf Fragen, auf die diese Standardantwort nicht passte, und merkten, dass das die bedrängenderen Probleme waren: Wollte Gott den Menschen im Paradies die Erkenntnis verwehren und hat ihnen deshalb verboten, vom Baum in der Gartenmitte zu essen? Warum verschmähte Gott das Opfer des Kain, während er das seines Bruders Abel gnädig annahm? Wie kann es Gott reuen, dass er die Schöpfung gemacht hat, ist er denn nicht allwissend?

Noch direkter haben uns Textstellen angesprochen, die sich als Fragen an die gesamte Menschheit, also auch an uns, stellen: Werden wir dem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung gerecht, den Gott den Menschen erteilt hat? Hat Gott resigniert, wenn er nach der Sintflut feststellt, dass das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse von Jugend auf ist? Erwartet Gott von uns Menschen nichts Gutes mehr, wenn er den Bund mit Noah und seinen Nachkommen schließt? In diesem Bund wird kommendes Blutvergießen vorausgesehen und strafrechtlich geregelt, aber nichts Positives von uns Menschen gefordert und uns sogar erlaubt, von nun an Tiere zu essen. Den Realismus der Urgeschichte konnten wir jedenfalls nicht bestreiten: Sie zeigt die Menschen ungeschönt, wie sie wirklich sind, und Gott sagt trotzdem zu, mit ihnen seine Schöpfung weiterleben zu lassen. Noah und seine Nachkommen, das sind hier alle Menschen auf der ganzen Erde. Erst einige Kapitel später, nach der Urgeschichte, fängt Gott nämlich seine Geschichte mit dem Volk Israel an.

Die Autoren der Urgeschichte kamen natürlich aus dem Volk Israel. Manche schrieben vor dem Hintergrund der babylonischen Gefangenschaft im 6. Jh. vor Christus, als der wöchentliche Ruhetag die Bedeutung bekam, die ihm auch im Schöpfungshymnus zugeschrieben wird: Gott ruhte am siebenten Tage. Ältere Autoren lebten in der Zeit der Könige und wurden von Prof. Gertz weisheitliche Autoren genannt. Sie waren am königlichen Hof ausgebildet worden, Diplomaten sozusagen, die sicherlich die mythischen Erzählungen der Nachbarvölker kannten. Im Gilgamesch-Epos etwa finden sich viel ältere Erzählungen, die denen der Urgeschichte sehr ähneln: über den Garten mit dem Baum in der Mitte oder über eine Sintflut. Aber wenn zwei das Gleiche erzählen, ist es noch nicht dasselbe: Aus dem einen Gilgamesch-Baum werden in der Bibel zwei, neben dem verbotenen Baum der Erkenntnis steht der Baum des Lebens. In der Sintflutgeschichte einer Vielgöttergesellschaft handeln die Götter gegeneinander, in der Urgeschichte handelt Gott an den Menschen.

Beendet wurde die Bibelwoche mit einem zentralen Abschlussgottesdienst in der lutherischen Kirche St. Thomas, wo über den Schöpfungshymnus im ersten Kapitel gepredigt wurde. Begonnen hatte sie mit den Sonntagsgottesdiensten eine Woche zuvor, wo der Predigttext das elfte Kapitel mit dem Turmbau zu Babel war. Die Predigten darüber in den unterschiedlichen Gemeinden waren durchaus unterschiedlich. Die Sprachverwirrung der Menschen konnte als Strafe für die menschliche Hybris erscheinen: Bevor die Menschen auf der Turmspitze an der Himmelfeste kratzen konnten, hat Gott sie in alle Länder zerstreut. Oder Gottes Handeln konnte erscheinen als Bewahrung der Menschen vor einer weltweiten Diktatur, indem sie in viele Völker zerstreut wurden und nicht mehr ein Mensch über alle herrschen konnte. Auf jeden Fall gab es fortan viele Völker, von denen sich Gott dann eines aussuchte. Dank der Urgeschichte wissen wir aber, dass auch den anderen, heidnischen Völkern Gottes Zusage gilt, die er Noah gemacht hat.

Heiko Theißen