Herausfordernder als der Textunterschied war aber die Frage, was uns Gott mit diesem Buch, das es wahlweise mit und ohne ihn gibt, denn sagen will. Oder um es mit einer Kategorie Luthers zu fragen: Was an diesem Buch trägt zu unserem Glauben bei, was treibet Christum
? Ein Teilnehmer formulierte es am Ende der täglichen Bibelleseabende so: Ich würde sagen, nichts.
Ohne Gott fängt das Buch an mit dem Bericht über eine Königin, die sich weigert, als ihr Mann, der König, sie bei einem rauschenden Fest wie eine Trophäe dem Volk vorführen will, um damit die Großen seines Reiches zu beeindrucken. Das kann der König natürlich nicht durchgehen lassen: da könnten ja alle Frauen gegen ihre Männer aufbegehren und die wären nicht mehr Herr im eigenen Hause. Daher muss die Königin abgesetzt werden. So kriegt es der König von seinen Beratern empfohlen, wie er überhaupt im ganzen Buch ständig auf Beratung durch andere angewiesen ist. Eine ermutigende Geschichte von einer selbstbewussten Frau, und dafür braucht man Gott im Text gar nicht.
Das nächste Kapitel, wo dem König unter allen schönen Jungfrauen des Reiches eine neue Königin ausgesucht wird, konnten wir auch kaum anders denn als Anklage gegen die patriarchalen Verhältnisse empfinden, zumal die Nachrichten uns in derselben Woche neue Enthüllungen über einen Missbrauchsring im 21. Jahrhundert lieferten, der ebenfalls bis in königliche Kreise reicht. Hier soll nur erwähnt werden, dass die schließlich Auserwählte Ester heißt, eine Waise, deren Ziehvater Mordechai in die babylonische Gefangenschaft geraten war. Dass er und Ester jüdisch sind, halten sie vor den fremden Machthabern zunächst geheim.
Damit war die Frage nach der jüdischen Identität angesprochen, die in der Entstehungszeit des Buches Ester die meisten Juden beschäftigen musste: Sollten sie sich der fremden Umgebung anpassen? Es ging dabei in Wahrheit um Anpassung an die hellenistische Kultur um 300 vor Christus, nur verpackt in eine Erzählung aus der viel früheren Zeit des persischen Großreiches. Wir kennen diesen erzählerischen Kniff schon aus dem Danielbuch (Bibelwoche 2022), aber auch aus Dramen von Bert Brecht. Die Königin Ester am Hof des fremden Großreiches wäre ein Zeichen der Anpassung, zumal der Gott Esters im (hebräischen) Text keine Rolle spielt. Aber im Gebet, das im griechischen Zusatztext überliefert wird, klagt Ester, dass sie die Ehre hasst, die sie bei den Gottlosen hat, und dass sie ihre Ehe mit dem Unbeschnittenen verabscheut. An dieser Stelle mussten wir uns nochmal klarmachen, dass Esters Gebet eine spätere Ergänzung des Textes ist, die die Aussage Anpassung oder nicht
geradezu ins Gegenteil verkehrt. Das blieb nicht die einzige Stelle, an der wir so eine nachträgliche Bedeutungsverschiebung bemerkt haben.
Das Gegenteil von Anpassung kann Verfolgung sein, das mussten Juden im Laufe der Geschichte immer wieder erleben, und das prägt auch die weitere Handlung des Buches Ester. Weil Mordechai den Kniefall vor dem obersten Minister verweigert, überredet dieser den König zu einem Erlass, wonach alle Juden im Reich ausgerottet werden sollen. Begründet wird das mit der Behauptung, dass sie abgesondert leben und eigene Gesetze haben. Ein Tag wird ausgelost, an dem dieser Genozid stattfinden soll, und der Erlass wird überall im Reich ausgehängt. Anders als vielfach in der Wirklichkeit (des Jahres 1938 zum Beispiel) geht dieser minutiöse Plan in der fiktiven Estergeschichte aber nicht auf. Die Kapitel, die davon berichten, würden sich als Drehbuch für eine Verfilmung eignen, wie es sie sicher gegeben hat. Und Gott müsste im Film wieder nicht vorkommen.
Aber gerade die Schlüsselszenen, die jeder solche Film haben müsste, und in denen Ester natürlich die Hauptrolle spielt, wurden uns schließlich doch noch zum Schlüssel für eine mögliche Glaubenslehre, die wir aus dem Buch ziehen können. Im Vortrag des Alttestamentlers Dr. Joachim Vette, mit dem der Bibelsamstag in St. Benedikt eröffnet wurde, war das die Szene, in der Mordechai Ester klarmacht, dass sie auch als Königin nicht vom Genozid verschont werden wird, aber dass sie vielleicht gerade um dieser Zeit willen
Königin geworden ist, weil sie jetzt handeln muss. Das klingt märchenhaft, aber der Text macht mehrfach klar, dass es für Ester Lebensgefahr bedeutet, sich dem König unaufgefordert nur zu nähern. Trotzdem wagt sie es und schafft es, ihm den Genozid auszureden. Die Formulierung um dieser Zeit willen
kommt wieder ohne Gott aus, aber umschreibt sie nicht das verborgene Handeln Gottes?
Die letzten Kapitel des Buches, die uns zum Ende der Leseabende und auch in der Abschlussrunde am Samstagnachmittag beschäftigten, waren für viele von uns problematisch. Weil der König seinen Erlass nicht wiederrufen könne, siegelt er einen zweiten Erlass, in den Ester und Mordechai das Recht der Juden hineinschreiben, sich gegen den drohenden Genozid mit Gewalt zu verteidigen. In dem Kapitel, das am ausgelosten Tag spielt, werden dann keine Angriffe gegen die Juden berichtet, sondern nur deren Gegenangriffe mit einer großen Zahl von Toten. Die Frage, ob diese Angriffe die Grenzen der Selbstverteidigung überschreiten und daher abzulehnen sind, und vor allem was das für die Bewertung des ganzen Buches bedeutet (mit oder ohne das Wort Gott), haben wir leidenschaftlich diskutiert, ohne letztlich zu einem Urteil zu kommen.
Wie gehen wir mit dieser Urteilsunfähigkeit über Gut oder Böse um? Das kann uns das jüdische Purimfest lehren, das zur Erinnerung an die (wie gesagt: fiktive) Estergeschichte gefeiert wird, was das Buch am Ende ausdrücklich anordnet. Es ist ein fröhliches Fest der Rettung vor der Ausrottung und wird mit unserem Karneval verglichen. Und beim Purimfest ist es Gesetz geworden, dass man dabei so viel Alkohol trinken muss, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem Minister, der den Erlass zum Genozid schrieb, und Mordechai, der ihn mit dem zweiten Erlass verhinderte. Vielleicht ganz gut, dass Purim heutzutage vor allem als Fest für Kinder gefeiert wird, auf die so ein Saufgebot nicht anzuwenden ist.
Heiko Theißen


