Lasst uns die Klage des Psalmisten hören:
Psalm 102
HERR, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen! Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, / neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald! Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer. Ich bin wie eine Eule in der Wüste, wie ein Käuzchen in zerstörten Städten. Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache. Meine Tage sind dahin wie ein Schatten, und ich verdorre wie Gras. Du aber, HERR, bleibst ewiglich und dein Name für und für. Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen; denn es ist Zeit, dass du ihm gnädig seist, und die Stunde ist gekommen. Denn er schaut von seiner heiligen Höhe, der HERR sieht vom Himmel auf die Erde, dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes, dass sie in Zion verkünden den Namen des HERRN und sein Lob in Jerusalem, wenn die Völker zusammenkommen und die Königreiche, dem HERRN zu dienen. Ehre sei dem Vater …
Gottlose Leut’
– die Römer – sind im heutigen Gesangbuch, wo das Lied unter der Nummer 77 steht, getilgt. Es sind ja auch despektierliche Worte, die sich abfällig äußern über die römische Rechtsprechung, der wir doch eherne Prinzipien verdanken wie: Im Zweifel für den Angeklagten. Oder aber die Gesangbuchmacher wollten nicht, dass die Heiden, dass die Völker ausgeschlossen sind vom Lob des Herrn. Das ist auch im Sinne des Psalmisten, der die Zeit kündet, wenn die Völker (also die gottlosen Leute) zusammenkommen und die Königreiche, dem HERRN zu dienen.
Und so hört es auch der alttestamentliche Prophet:
Jesaja 43
Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott. Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.
Justizskandal, 1. Teil: Matthäus 27
Des Morgens aber hielten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volks einen Rat über Jesus, dass sie ihn töteten. Und banden ihn, führten ihn hin und überantworteten ihn dem Landpfleger Pontius Pilatus. Da das sah Judas, der ihn verraten hatte, dass er verdammt war zum Tode, gereute es ihn, und brachte wieder die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und den Ältesten und sprach: Ich habe übel getan, dass ich unschuldig Blut verraten habe. Sie sprachen: Was geht uns das an? Da siehe du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin und erhängte sich selbst. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es taugt nicht, dass wir sie in den Gotteskasten legen, denn es ist Blutgeld. Sie hielten aber einen Rat und kauften den Töpfersacker darum zum Begräbnis der Pilger. Daher ist dieser Acker genannt der Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da ist erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, da er spricht: Sie haben genommen dreißig Silberlinge, damit bezahlt war der Verkaufte, welchen sie kauften von den Kindern Israel,
und haben sie gegeben um den Töpfersacker, wie mir der HERR befohlen hat.
Sie hielten einen Rat
– das ist nicht das erste Mal, dass diese Formulierung hier auftaucht und dann gleich zweimal (in dieser Übersetzung): schon zu Beginn der Passionsgeschichte halten die Ältesten einen Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten: Ja nicht während des Festes, damit es keinen Aufruhr gibt. Aber genau das raten sie jetzt: Das Fest steht unmittelbar bevor und jetzt wollen sie Jesus töten. Ohne sich die Hände schmutzig zu machen: erst ist es Judas, der ihn ausliefert; jetzt soll es Pilatus sein, der ihn hinrichtet. Aber dann geht etwas schief mit dem Plan: Judas will nicht mehr mitmachen, obwohl es natürlich zu spät für seine Umkehr ist. Also halten sie wieder einen Rat. Als ob sie von Ferne alles steuern und im Griff haben. Sieht so Verantwortung aus?
Wir sollten nicht mit dem Finger auf die Ältesten zeigen, wir kennen diese Situation selbst. Die Bund-Länder-Runden, die uns seit einem Jahr durch die Corona-Pandemie begleiten, haben etwas davon: Man berät, es klappt nicht und dann berät man was Anderes. Aber auch wer in kirchlichen Gremien mitgearbeitet hat, kennt solche abgeänderten Beschlüsse zur Genüge. Das sind nicht die Ältesten des Volkes, das sind wir. Manches kann man eben nicht zurücknehmen, nachdem man es getan oder beraten hat, so wie das Blutgeld. Wessen Blut ist damit eigentlich gemeint? Das von Jesus, der auf die Hinrichtung zusteuert, oder das von Judas, der sich erhängt hat? Es wird nicht ungeschehen durch die Beratung, was man von dem Geld kaufen könnte. Aber das Gekaufte, der Blutacker, steht zum Zeugnis dieser Beratungen, bis auf den heutigen Tag – das ist dem Evangelisten wohl wichtig.
Der Skandal: Jesu Prozess geht bei alldem weiter, obwohl die Akteure beginnen, ihre Fehler zu erkennen, oder sich davon zu distanzieren.
Justizskandal, 2. Teil
Jesus aber stand vor dem Landpfleger; und der Landpfleger fragte ihn und sprach: Bist du der Juden König? Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst es. Und da er verklagt ward von den Hohenpriestern und Ältesten, antwortete er nicht. Da sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen? Und er antwortete ihm nicht auf ein Wort, also dass der Landpfleger sich verwunderte.
Auf das Fest aber hatte der Landpfleger die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Er hatte aber zu der Zeit einen Gefangenen, einen sonderlichen vor anderen, der hieß Barabbas. Und da sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr, dass ich euch losgebe? Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei Christus? Denn er wußte wohl, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Und da er auf dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im Traum seinetwegen. Aber die Hohenpriester und die Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten sollten und Jesus umbrächten. Da antwortete nun der Landpfleger und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr unter diesen zweien, den ich euch soll losgeben? Sie sprachen: Barabbas. Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird er sei Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Der Landpfleger sagte: Was hat er denn Übles getan? Sie schrieen aber noch mehr und sprachen: Lass ihn kreuzigen! Da aber Pilatus sah, dass er nichts schaffte, sondern dass ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder. Da gab er ihnen Barabbas los; aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt würde. Da nahmen die Kriegsknechte des Landpflegers Jesus zu sich in das Richthaus und sammelten über ihn die ganze Schar und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Kniee vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König! und spieen ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.
Der römische Statthalter – ein Garant römischer Rechtsgrundsätze? Er hat Zweifel an der Schuld Jesu, handelt aber nicht im Zweifel für den Angeklagten. Mehr noch: er erkennt den Justizskandal, der darin besteht, dass die Ankläger aus selbstsüchtigen Motiven handeln: aus Neid, heißt es. Kein Wunder, dass sie sich auf den Deal mit der Festtags-Amnestie nicht einlassen. Aber den Ausschlag gibt das immer größer werdende Getümmel, das die Ankläger im Volk anfachen: Lass ihn kreuzigen
schreien sie, und als sie seine Untaten benennen sollen, schreien sie einfach nochmal: Lass ihn kreuzigen.
Pilatus hatte doch alles durchschaut, und seine Frau bestätigte ihn sogar darin: Habe Du nichts zu schaffen mit ihm.
Das nimmt er leider wörtlich, denn er hätte sich zu schaffen machen müssen und Jesus freisprechen, wenn er eines römischen Juristen hätte würdig sein wollen. Stattdessen: Raushalten – symbolisch die Hände waschen und der Sache ihren Lauf lassen. Wieder ist es der Skandal: Der Prozess geht weiter, obwohl die Akteure ihre Fehler nicht nur hätten erkennen müssen, sondern sie wohl auch erkennen. Trotzdem wird Jesus zur Hinrichtung geführt.
Alle, ob Juden, Heiden, gottlose Leute, wollen sich raushalten, aber die Sache nimmt natürlich trotzdem ihren Lauf, oder soll sogar ihren Lauf nehmen.
Der Wunsch, an einer Sache unbeteiligt zu sein, erinnert mich an die Frage, die im vergangenen Jahr viel diskutiert wurde: wo sich das Coronavirus eigentlich hauptsächlich ausbreitet. Friseure? Die haben doch so ein gutes Hygienekonzept, da kann das nicht passieren. Schulen? Die sind so wichtig, außerdem verbreiten Kinder das Virus ja nicht. Gottesdienste? Wir haben doch auch ein tolles Hygienekonzept. Und es ist auch nicht gelungen nachzuweisen, dass eine Ausbreitung auf diese oder jene spezielle Veranstaltung zurückzuführen ist. Trotzdem breitete sich das Virus aus, und als – eigentlich ungerecht – alle gleichermaßen eingeschränkt wurden, breitete es sich langsamer aus. Irgendwie waren wir also doch alle beteiligt daran.
Raushalten gibt's nicht. Auch nicht für uns. Von Jesu Prozess trennen uns 2000 Jahre, aber von heutigen Opfern? Opfern von Missbrauch, von Ausbeutung, oder von Abschottung. Abschottung kann übrigens es auch bedeuten, wenn Medikamente oder Impfstoffe, die auf der ganzen Welt gebraucht werden können, am Verlassen des Landes gehindert werden. Raushalten hält uns nicht frei von Schuld.
Warum verteidigt sich Jesus aber nicht? Wäre das sinnlos angesichts der Machtverhältnisse? Oder kann es sein, weil er sich selbst nicht frei von Schuld fühlt – nämlich nicht frei von unserer Schuld? Das wäre der Skandal hinter all den Skandalen.
Dietrich Bonhoeffer hat dazu in seiner Ethik geschrieben:
Weil es Jesus nicht um die Proklamation und Verwirklichung neuer ethischer Ideale, also auch nicht um sein eigenes Gutsein, sondern allein um die Liebe zum wirklichen Menschen geht, darum kann er in die Gemeinschaft ihrer Schuld eintreten. … Dass der Sündlose als selbstlos Liebender schuldig wird, gehört durch Jesus Christus zum Wesen verantwortlichen Handelns.
Fürbitte
Guter Gott, wir bitten dich
für alle, die beratschlagen und entscheiden müssen, dass sie verantwortlich handeln,
für alle Opfer, aus deren Schicksal wir uns normalerweise raushalten,
für alle, die Liebe üben wollen und dabei schuldig werden.
Vater unser
Wo wir dich loben Nr. 181.1 (Text: Dietrich Bonhoeffer)
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
Segen
Gott gehe zu uns in unserer Not,
sättige den Leib und die Seele mit seinem Brot.
So segne und behüte uns Gott, der Allmächtige und Barmherzige,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.