5. Ökumenische Kreuzwegandacht

2. April 2020

Lied: Eines Tages kam einer, Strophe 1–3 (Wo wir dich loben, Nr. 34)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Moderne Psalmworte

Meine Brust leergeraubt
meine Seele ein ausgetrockneter Fluss -
Ende vom Lied, Abstieg in die Grube,

Und nun du, lass dich sehen,
morgen machst du mich früh wach
und wir gehen - ja?

Blas deinen Atem in meine Lungen
Ström meine Seele wieder voll. Huub Oosterhuis

Die Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 hat mich bei der Vorbereitung dieser Andacht beeinflusst. Blas deinen Atem in meine Lungen - wer denkt da nicht gleich an Beatmungsgeräte, diejenigen Geräte, die nicht für alle reichen, oder wenn doch, dann nur, wenn wir uns dafür einschränken. Social distancing - was für ein hässlicher Begriff. Besser finde ich Versammlungsfasten.

Psalm 143

HERR, erhöre mein Gebet, vernimm mein Flehen um deiner Treue willen, erhöre mich um deiner Gerechtigkeit willen, und geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht. Denn der Feind verfolgt meine Seele und schlägt mein Leben zu Boden, er legt mich ins Finstere wie die, die lange schon tot sind. Und mein Geist ist in mir geängstet, mein Herz ist erstarrt in meinem Leibe. Ich gedenke an die früheren Zeiten; ich sinne nach über all deine Taten und spreche von den Werken deiner Hände. Ich breite meine Hände aus zu dir, meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land. HERR, erhöre mich bald, mein Geist vergeht; verbirg dein Antlitz nicht vor mir, dass ich nicht gleich werde denen, die in die Grube fahren. Lass mich am Morgen hören deine Gnade; denn ich hoffe auf dich. Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll; denn mich verlangt nach dir. Errette mich, HERR, von meinen Feinden; zu dir nehme ich meine Zuflucht. Amen.

Lasset uns beten: Heiliger, ewiger Gott. Du hast Deinen lieben Sohn für uns Sünder dahingegeben. Gib, dass wir das Gedächtnis seines Lebens und Sterbens in wahrer Andacht begehen. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Lesung aus Jeremia 31

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den HERRN, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Lied: Eines Tages kam einer, Strophe 4–5

1. Lesung aus Johannes 19

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch! Als ihn die Hohenpriester und die Diener sahen, schrien sie: Kreuzige! Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. Als Pilatus das hörte, fürchtete er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre. Darum hat, der mich dir überantwortet hat, größere Sünde. Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Da Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. Es war aber der Rüsttag für das Passafest, um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Sehet, euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

Lied: Eines Tages kam einer, Strophe 6

2. Lesung

Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen. Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.


Sagen Sie eigentlich Fastenzeit oder Passionszeit, also Leidenszeit? Wir haben gerade Jesu Leidensgeschichte bis an ihr bitteres Ende gehört. Wir wissen auch von den anderen Evangelisten, dass Jesus zu Beginn seiner Wirksamkeit 40 Tage in der Wüste gefastet hat. Welches ist uns jetzt das Vorbild für die Zeit von Aschermittwoch bis Karsamstag, das zeitlich begrenzte Fasten oder das unbegrenzte Leiden Jesu?

Sieben Wochen ohne, so nennt die evangelische Kirche ihre Fastenaktion, schon im Namen zeitlich begrenzt. Aber dieses Jahr wird sie von der Wirklichkeit überholt: Nicht der Fastenkalender, sondern die Regierung schreibt uns ein Fasten, ein Versammlungsfasten vor, und dessen zeitliche Begrenzung kennen wir heute noch nicht. Auf jeden Fall wird es nicht an Ostern zu Ende sein, sondern frühestens danach, aber wie weit danach, wissen wir heute noch nicht. Wir handeln nach diesem Gebot um derer willen, die durch die Krankheit besonders gefährdet sind, damit ihre Zahl nicht anschwelle und ihre Heilungschancen nicht überwältigt werden, sondern genug Atem bleibt, der in ihre Lungen geblasen werden kann. Und wir wissen, dass durch diese Krise andere Krisen nur vorübergehend verdeckt sind, die schließlich auch wieder unseren langen Atem fordern werden: die Krise der Flüchtenden, die auf der Suche nach einer neuen Heimat sind, die Krise des Klimawandels. Werden wir uns diesen Krisen dann genau so entschlossen zuwenden wie jetzt der Coronakrise?

Die diesjährige Fastenzeit macht mir klar, dass die Notwendigkeit zum Fasten an Ostern nicht vorbei sein wird. Zwar wird die Pandemie für uns irgendwann vorbei sein, und das für umso mehr von uns, je erfolgreicher wir die Gefährdeten jetzt schonen. Aber mir bleiben Zweifel, ob es danach einfach wieder zum alten Leben zurück geht. Die in Babylon gefangenen Israeliten, an die sich unsere alttestamentliche Lesung richtet, mussten sich in der Gefangenschaft jahrzehntelang einrichten. Und für Jesus gab es kein überhaupt kein vorbei. Sein Leiden, das war ihm schon jahrelang gewiss, war keine Phase, durch die er hindurch musste. Dieses Leiden war das, worauf sein Leben hinauslief, erst mit dem Tod sagte er, es sei vollbracht.

Auch wenn wir in dieser Passionszeit, in diesem Jahr nicht sterben müssen, kann es trotzdem sein, dass es danach nicht mehr so ist wie davor? Schon zu Beginn dieses Kirchenjahres, in der Predigt im Heiligabendgottesdienst in der Heilbronner Kilianskirche, habe ich vernommen, womit die Weihnachtsbotschaft unvereinbar ist: unvereinbar mit der Vorstellung, dass alles immer so weitergehe wie bisher. Das war ein prophetisches Wort. Nicht nur die Erfahrung einer Pandemie mit Ausgangsbeschränkungen kann unsere bisherige Erfahrungswelt radikal erweitern. In der babylonischen Gefangenschaft war es eine neue Erfahrung des Gottes Israels, für den es keinen Tempel mehr gab, sondern der sein Gesetz den Menschen direkt ins Herz gibt. Für Maria und Johannes war es unter dem Kreuz Jesu die Erfahrung, künftig aufeinander angewiesen zu sein. Für alle Jünger war es die Erfahrung, Jesu Lehre ohne seine Anwesenheit weiterzutragen. Für einige unter uns ist es die Erfahrung, wie systemrelevant die Arbeit anderer ist, z.B. die Arbeit von LKW-Fahrern, die man zwei Tage im Stau an einer Grenze ausharren sieht. Für andere ist es die Erfahrung, welchen Wert offene Grenzen haben, oder welche Freiheiten unsere Gesellschaft ausmachen.

Auf jeden Fall machen wir die Erfahrung, dass unser Fasten, z.B. unser Versammlungsfasten, für andere die Rettung bedeuten kann. Und Jesu Passion erinnert uns daran, dass auch der Tod eines Menschen mit der Rettung anderer einhergeht. Einhergehen muss dabei nicht heißen, dass das eine das andere zwingend bedingt. Man sollte sagen: Der Tod eines Arztes kann der Preis sein für die Rettung seiner Patienten, ein Tod durch Unwetter nach Absage der Weltklimakonferenz der Preis für den Schutz vor Ansteckung. Wenn ich die Pandemie überlebe, will ich mich erinnern, dass viele andere Pandemieopfer sterben mussten, und lebe dann vielleicht anders weiter. Ist das alles gerecht? Jesu Tod erinnert uns daran, dass für viele Gerechtigkeit noch aussteht.

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer,
vergessen wäre für immer.

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer,
so weiterginge wie immer. Kurt Marti

Lied: Eines Tages kam einer, Strophe 7

Lasset uns beten, wie wir in dieser Zeit täglich beim Läuten der Glaubensglocke beten können:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Und so wenden wir uns zu dir, ewiger Gott, mit unserem Glauben und unseren Zweifeln, und bitten dich: bleibe bei uns an diesem Abend und geleite uns im friedlichen Schlaf durch die Nacht. Lass unsere Gedanken und unser Herz zur Ruhe finden.

Vater unser

Lied: Bewahre uns Gott (EG 171.1)

Segen