Die Vision von der Einheit

- 12.07.2018 - 

Aus dem Pfarrbrief der Katholischen Stadtkirche Heidelberg

Wer Visionen hat, muss zum Arzt soll Helmut Schmidt gesagt haben. – Ist es für uns Christen aber nicht gerade umgekehrt? Geht gerade dann nicht das wesentliche verloren, wenn sich stattdessen Nüchternheit oder gar Resignation breit machen? Anlass zur Resignation gäbe es aktuell durch den Streit um die Möglichkeit der gemeinsamen Kommunion konfessions­verschiedener Ehepaare. Dass dieses Anliegen der Mehrheit der deutschen Bischöfe von Rom zurückgewiesen wurde, erleben viele als Rückschlag.

Im Rohrbacher Ökumenekreis haben wir bei den letzten Treffen die Erzählung von Edmund Schlink Die Vision des Papstes gemeinsam gelesen. Sie ist in der letzten Phase des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden und zehn Jahre später veröffentlicht worden. Schlink erzählt von einem Papst, der dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen ist und dem während seiner Genesung Christus in drei Visionen erscheint. Das erste Mal in einem zerrissenen Körper, dessen Glieder nur noch von den Adern, in denen das Blut fließt, zusammengehalten werden. Die Worte, die Christus an den Papst richtet sind: Dies ist mein Leib. Auch bei der zweiten Vision ist diese Zertrenntheit des Leibes Christi und sein Schmerz darüber im Vordergrund, verbunden mit den Worten: Ich will, dass alle eins sind. Tue Buße. In der dritten Vision erscheint Christus geheilt und in strahlendem Glanz. Die Worte die diese Vision begleiten sind: Friede sei mit Dir! Folge mir nach!

Während der Lektüre wurde uns deutlich, mit wieviel Gespür für die Notwendigkeit der Einheit und mit wieviel Einsicht in die Schwierigkeiten der Ökumene der Autor geschrieben hat. Die Aktualität des Buches wird durch den Komunionstreit in den letzten Wochen besonders deutlich.

Das Wahrnehmen des Leidens Christi an der Zertrenntheit seines Leibes hat uns beim Lesen betroffen gemacht. Sind wir nicht oft mit der Sorge um die eigene Gemeinde so beschäftigt, dass der Blick über den Tellerrand verloren geht? Wie stark ist uns das Leiden Christi an den Spaltungen unter uns Christen bewusst? Lassen wir uns aufrütteln von der Erkenntnis, dass die Streitereien und Ausgrenzungen unter den Christen, dem Zeugnis der Botschaft Christi schaden und seine Glaubwürdigkeit schwächen? Welche Ideen und Visionen leiten uns, mitzuwirken, dass Jesu Wunsch – Dass alle eins sind – bei uns und in unseren Gemeinden Wirklichkeit wird?

Vielleicht ist dieses Buch von Edmund Schlink, der übrigens in Heidelberg evangelische Theologe gelehrt hat und offizieller Berichterstatter beim Konzil war, dazu eine wertvolle Anregung und eine gute Sommerlektüre.Stefan Osterwald